Krankengymnast vs Physiotherapeut – Auf welcher Seite bist du?

Matthias Vogg

Warst du schon mal bei einem Physiotherapeuten?
Wahrscheinlich ist deine Antwort Ja.
Wenn deine Antwort Nein ist, dann kennst du sicherlich Physiotherapeuten in deiner Gegend.
Sie sind Menschen, die wir aufsuchen, wenn wir uns um unseren Körper kümmern wollen. Für weniger Schmerzen und mehr Bewegungsfreiheit.

Manche Leute nennen diese Physiotherapeuten auch noch Krankengymnasten – höchstwahrscheinlich, weil es ein greifbarer Begriff ist und aus dem Physiotherapeut schnell ein Psycho- oder Psychiotherapeut gemacht wird.

Ich persönlich habe etwas interessantes bei diesen Umständen beobachtet: Einen Unterschied dazwischen, physiotherapeutisch oder krankengymnastisch zu behandeln und behandelt zu werden.

Für mich als bald staatlich geprüfter Physiotherapeut ist dieser Unterschied im Laufe meiner Ausbildung sehr klar geworden.

Es gibt Menschen, die sich als Physiotherapeuten bezeichnen, aber eigentlich Krankengymnasten sind.

Grundsätzlich können diese beiden Namen synonym verwendet werden. Für mich steckt hinter beiden Namen eine unterschiedliche Bedeutung.

Vielleicht fragst du dich, was meine Definition von einem Krankengymnasten überhaupt ist?
Der Name ist Programm. Als Krankengymnast mache ich Gymnastik mit Kranken.
Das bedeutet, dass ich mich ausschließlich auf die Bewegung des Körpers und einzelner Gelenke auf der Ebene des Muskel-Skelett-Systems befinde. Ich kümmere mich dabei nicht darum, wie hoch das physiologische Stresslevel meines Patienten ist.

Auch wenn mein Patient Stress bei der Arbeit hat, heute nur zwei-einhalb Butterbrezen gegessen hat, die letzte Nacht nur sechs Stunden geschlafen hat und sein einzigen Getränke heute vier Tassen Kaffee und zwei Gläser Wasser waren – ich kümmere mich nur um die Bewegung dieses Patienten.

Meine Frage ist: Kann ich den Körper in Einzelteile brechen, wenn ich vollkommene Gesundheit und echtes Wohlbefinden möchte? Kann ich Bewegung und Sport unabhängig von der Gesundheit des Stoffwechsels und der Organe sehen?

Verstehe mich nicht falsch: Es gibt einen Ort und eine Zeit, an dem das isolierte Bewegen des Körpers seinen Platz hat. Bei dem größten Teil aller chronischen Krankheiten hat die Kranken-Gymnastik eher wenig Auswirkungen.

Was ist also Physiotherapie im Vergleich zu Krankengymnastik?

Physio-Therapie ist nach reiner Erklärung des Namens das Schaffen von optimaler physiologischer („normaler“) Körperfunktion.

Erkennst du den Unterschied?

Der Krankengymnast orientiert sich an Krankheit und lernt nur über die Krankheit. Somit weiß er auch nicht, welche Prinzipien und Praktiken zu Gesundheit führen. Als Krankengymnast ist nicht unbedingt eine eigene und authentische Bewegungserfahrung bzw. ein Körperbewusstsein nötig.

Es fußt auf theoretischen Informationen, die sich teilweise nach einer logischen Evaluation und eigenem Austesten nicht als praktikabel und effektiv erweisen.

Der Physiotherapeut lernt wie der Krankengymnast die theoretischen Informationen über die Anatomie und auch die Krankheitslehre. Gleichzeitig weiß er aus eigener Erfahrung, dass das nur ein kleiner Teil des Bildes ist.

Er weiß beispielsweise, dass es nicht reicht, seinem Patienten einfach ein qualitativ hochwertiges Hausaufgabenprogramm zu geben. Aus eigener Erfahrung ist ihm klar, dass jemand ohne ein klares Motiv bzw. WARUM selbst das beste Eigenübungsprogramm nicht schätzen kann.
Das Verändern von Bewegungs- und Lebensstilgewohnheiten. Es klingt leicht, doch wenn wir ehrlich sind: Wie schwer ist es, eine Gewohnheit zu verändern, die schon lange ein Teil unseres Lebens ist?

Wenn wir also wirklich den Weg zu besserer Gesundheit beschreiten wollen, dann ist es enorm wichtig, den Körper und die Psyche einer Person nicht zu trennen.

„Warum sollte ich denn gesund werden wollen?“
„Ist es das wirklich wert, meine momentanen Gewohnheiten aufzugeben, um dieses Ziel zu erreichen?“
„Ich will mein Leben genießen können und dieses ganze Gesundheits-Zeug ist doch sowieso nur ein enthaltsamer und langweiliger Weg.“

Es klingt komisch. Aber das sind die unterbewussten Glaubensmuster vieler Menschen.

Das heißt, als Physiotherapeut gehe ich auf Menschen so ein, wie es für sie momentan am besten geht.
Ob wir es glauben oder nicht: Manche Menschen sind nicht bereit, ihre Gewohnheiten zu verändern. Ihnen gefällt ihr Leben allerdings eigentlich gar nicht. Sie machen alles und jeden außer sich selbst für ihre eigene Situation verantwortlich. Die nötigen Veränderung wollen sie selbst jedoch nicht machen.

Und der Großteil aller Krankheiten heutzutage sind chronischer Natur und das bedeutet, dass die Ursachen in den Gewohnheiten, Routinen und mentalen Einstellungen der Person liegen.

Als Physiotherapeut muss ich also authentisch sein und eine eigene Bewegungserfahrung und ein gewisses Körperbewusstsein haben bzw. zumindest selbst auf dem Weg der Integration von Bewegung in mein Leben sein.

Wenn ich bestimmte Gewohnheiten nicht selbst integrieren und verändern kann, wie könnte ich es jemals von jemand anderem verlangen?

Es geht also um die Kombination von praktikablem logischen Wissen mit authentischer echter Erfahrung. Wenn ich das kombiniere, dann habe ich einen ausgeglichenen Ansatz.

Natürlich kommen dann auch noch die anderen drei Bereiche ins Spiel. Denn wenn ich nicht die Ressourcen an Bord habe – die richtige Ernährung, genügend Wasser, ausreichend Ruhe und eine zielgerichtete, positive Einstellung – wird die Bewegung bzw. der Sport nur eine Sache tun: Mehr Belastung auf meinen Körper auswirken, was es ihm noch schwerer machen wird, die Gesundheit zu erreichen, nach der ich strebe.

Das Wohlbefinden unseres Körpers als eine Kombination aus körperlichen, psychisch-emotionalen und seelischen Faktoren zu betrachten, hilft uns, die Aitiologie – also die Ursache der Krankheit – zu verstehen.

Auf diese Art und Weise kann langzeitige und echte Heilung stattfinden, sodass wir in der Tat wieder zurück zur Physiologie therapiert werden.

3 Comments on “Krankengymnast vs Physiotherapeut – Auf welcher Seite bist du?”

  1. Ich finde deinen bericht äusserst aufklärend und informativ ich freue mich sehr auf weiteres 😉

    1. Vielen Dank für deine Worte Robin! Falls ich oder die anderen dir speziell weiterhelfen können, dann schreib uns gerne direkt oder auf Facebook 🙂

      Matthias

  2. Pingback: "Dank Elliott Hulse bin ich meinem Herzen treu" - Matthias Vogg

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